Der Traum vom Kitesurfen

Getragen vom Wind, in der Höhe schwebend, die Wellen unter mir. Genau das ist es, was mich am Kitesurfen so fasziniert und was mich 2001, als der Sport noch in den Kinderschuhen steckte, antrieb, diese Sportart zu erlernen. Auch ein schwerer Unfall auf dem Wasser im Jahr 2008, die anschließende Operation und die Implantation einer Hüftprothese haben mich nicht davon abgebracht, weiterzumachen.

Anne Pieper

Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie an der Schön Klinik Neustadt.

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Wie alles begann

Ich bin Schwäbin, das heißt weit und breit kein Meer. Wo sollte ich Kitesurfen? Also kehrte ich zurück zu unserer Familien-Sommerinsel Helgoland, um mir Kitesurfing selbst beizubringen. Bewaffnet mit einem Kite, dem sogenannten Lenkdrachen, einer Bar, die Verbindungsleine zum Kite, und einem Board, welches ungefähr die Größe eines kleinen Wellenreiters hat, machte ich mich auf den Weg. An Sicherheitssysteme war in dieser Zeit noch nicht zu denken, auch nicht an Lehrer und Schulen, die einem den Sport näher bringen konnten. Die ersten Versuche waren schmerzhaft: Ich wurde gezogen, oder besser über den Strand geschleift, bei ablandigem Wind von Helgolands Düne gen offene See getrieben und mit verdrehten Leinen blieb ich an der Mole hängen. Aber: alles gut überstanden, selbst das damalige Material blieb heil.

Martinique, die Ostsee und die Suche nach den besten Plätzen

Das war für mich Ansporn und ich blieb dran: Mein praktisches Jahr als angehende Ärztin absolvierte ich auf Martinique. Dort hatte ich die besten Trainingsbedingungen: Flachwasser zum Üben, Wellen zum lockeren Cruisen. Ich begann, die ersten Wettkämpfe zu bestreiten und leckte Blut. An eine Rückkehr nach Schwaben war nicht mehr zu denken. Also suchte ich eine Klinik in Norddeutschland, die dicht am Wasser lag und gute Trainingsbedingungen vor Ort suggerierte. Es sollte 2004 die Schön Klinik Neustadt an der Ostsee werden. Mit einem tollen Team im Hintergrund war es mir möglich, viel Zeit auf dem Wasser zu verbringen. So wurde ich 2005 Deutsche Meisterin, Vize Europameisterin und 2006 Vize Deutsche Meisterin im Kitesurfen.

Im Sommer und Herbst sind die Bedingungen an der Ostsee fabelhaft: Pelzerhaken, Heiligenhafen, Fehmarn und auch die Ostküste Richtung Warnemünde oder Fischland-Darß sind für Kitesurfer ein Paradies. Dänemark und die Nordsee bieten ebenfalls tolle Spots, vor allem grandiose Wellenbedingungen Richtung Klitemöller, dem der Kosename „Cold Hawaii“ zuteil wurde.

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 Augen auf und safety first!

Um den Anschluss an den schnell wachsenden Sport im Wettkampf nicht zu verlieren, verbrachte ich meine Urlaube am warmen Meer. Von nun an hieß es: Venezuela, Cabarete, Maui, Tarifa, Ägypten, Brasilien. In der Wärme und ohne 6mm Neopren fällt es einem einfach leichter, neue Moves zu üben und sich von internationalen Koryphäen motivieren zu lassen. Heutzutage rate ich jedem, der Kitesurfen möchte, auf jeden Fall eine Kitesurfschule zu besuchen. Es erleichtert und vereinfacht so vieles und macht vor allem den Sport sicherer. Sicherheit ist ein wichtiger Punkt. Wir gleiten mit bis zu 20 Quadratmeter großen Schirmen über das Wasser, hantieren mit messerscharfen 25 Meter Leinen und meistens sind wir nicht allein am Spot. Mitunter teilen wir uns das Wasser mit 50 anderen Kitesurfern, mit Windsurfern oder Schwimmern. Da heißt es: Augen auf und safety first!

Mein Unfall veränderte vieles

Warum Sicherheit so wichtig ist und welchen Gefahren man ausgesetzt ist, musste ich leider am eigenen Leib erfahren. 2008 erlitt ich bei stürmischen Bedingungen am Strand von Ibiza einen folgenschweren Unfall, bei dem ich aus großer Höhe auf Felsen aufschlug. Die Verletzungen waren so schwer, dass ich nach Deutschland ausgeflogen werden musste, um unfallchirurgisch versorgt zu werden. Sechs Wochen war ich ans Bett gebunden und es dauerte über ein Jahr, bis ich wieder laufen konnte. Leider nur für kurze Zeit, denn dann löste sich der mühsam zusammengeflickte Hüftkopf in seine Einzelteile auf. Ich stand vor der großen Frage: Hüftprothese und wieder laufen können oder unerträgliche Schmerzen, Immobilität und Stillstand. Ich war damals 30 Jahre alt und es dauerte, bis ich den Entschluss fasste, ein künstliches Gelenk in Betracht zu ziehen. Während meiner Facharztausbildung zum Orthopäden hatte ich selbst gelernt, Hüftprothesen zu implantieren – aber nicht bei jungen Sportlern, sondern bei älteren Menschen. Der Gedanke war mir sehr fremd und ich musste mich daran gewöhnen, mich als junger Mensch für ein künstliches Gelenk zu entscheiden.

Vorbilder helfen

Es ist unglaublich hilfreich, Vorbilder zu haben. Meines zu jener Zeit war Floyd Landis, ehemaliger Radprofi und Tour de France-Sieger. Er hatte nach einem schweren Radsturz eine Hüftprothese bekommen und fuhr wieder Radrennen. Also entschied ich mich und legte mich unter das Messer meiner Kollegen. Ich wusste ja, dass sie ihre Arbeit gut machten! Ein Jahr später war ich wieder auf dem Wasser. Behutsamer, als während meiner aktiven Wettkampfzeit und ich ging bedachter und achtsamer mit meinem Körper um – aber mit dem unvergesslich gleichen Gefühl: Getragen vom Wind, in der Höhe schwebend, das wellige Wasser unter mir.

Erfolgsgeschichten helfen auch in unserer Klinik: Wir versuchen in unserem Team, auf die unterschiedlichen Altersstufen zugeschnittene, sogenannte „RoleModels“, mit den Patienten zu vernetzen. Das sind Menschen, die die gleiche Behandlung erlebt haben. Unsere Patienten können mit ihnen in Kontakt treten und lernen so, dass sie nicht alleine sind. Gerade für jüngere Menschen ist das enorm wichtig.

Jeder geht seinen eigenen Weg

Heute berate ich meine Patienten, die vor solch einer Operation stehen, ganz anders, denn ich kann ihre Angst und Ungewissheit verstehen und nachempfinden. Ein künstliches Gelenk ist für viele ein großer Einschnitt und wird mit Alter, weniger Mobilität und Kompromissen in Verbindung gebracht. Wir Ärzte und Therapeuten gehen individuell auf unsere Patienten ein und informieren sie. Die Entscheidung liegt letztendlich bei jedem selbst. Ich trete dabei in den Hintergrund und unterstütze den Patienten nur darin, seinen eigenen Weg zu finden.

Für jeden sieht die eigene Zufriedenheit am Ende anders aus: Die eine mag zufrieden sein, wenn sie mit ihrem Rollator schmerzfrei zum nächsten Supermarkt laufen kann, der andere möchte wieder auf seinem Motorrad durch Europa touren. Ich weiß, ich bin dann glücklich, wenn ich ein klares Wellenset abreiten darf und mich ertappe, wie das Strahlen aus meinem Gesicht nicht mehr entweichen möchte.



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